“Reich genug, dass die Fachleute ihre Welt wiedererkannten. Einfach genug, dass eine Kollegin ohne Energiehintergrund wirklich stöbern wollte.”
Das Problem
Swissgrid betreibt das Schweizer Übertragungsnetz, und der Kontrollraum ist einer der am stärksten zugangsbeschränkten Räume des Unternehmens: Von rund 1'000 Mitarbeitenden dürfen nur wenige darin arbeiten. Ziel war, allen anderen ein Fenster in diesen Raum zu geben. Die Sicherheit begrenzte, was wir zeigen durften (verzögerte Daten, nichts Infrastrukturkritisches), der Zugang zu den Themen selbst war jedoch breit. Das ganze Designproblem lag in einer Spannung: zu stark vereinfacht, und die Fachleute steigen aus; zu treu zur Komplexität, und alle anderen springen ab. Mein Co-Lead und ich starteten zudem als Aussenstehende im Energiebereich, was Teil der Methode wurde statt ein Hindernis.
Vorgehen
- 1
Die «Wand der Wünsche» der Fachleute (bis zu zehn gleich dringende Themen) auf eine Frage heruntergebrochen: Was sollen alle zuerst sehen? Danach eine Anforderung nach der anderen (eine Karte, interaktive Punkte, ein Zeitregler, drei dauerhaft sichtbare KPIs, Details auf Klick).
- 2
Den ersten Entwurf als getreues, wörtliches Abbild dessen gebaut, was die Fachleute verlangt hatten. Noch keine Lösung, aber etwas Gemeinsames, worauf man reagieren kann.
- 3
Aus der Sicht der Nutzenden neu priorisiert statt aus der Sicht der Fachleute: die Karte zur Oberfläche gemacht, auf der man erkundet, die KPIs hinter Points of Interest gelegt, den Zeitregler auf das jeweilige Thema begrenzt.
- 4
Die Kernregel aus dieser Arbeit heraus entstehen lassen: nichts geht tiefer als drei Ebenen. Die Grenze bewahrte Neulinge vor dem Ertrinken und zwang uns, jedes Thema auf sein Wesentliches zu destillieren, und genau diese Destillation überzeugte die Fachleute als Respekt vor der Domäne, nicht als Vereinfachung.
Der Entwurf, den sie verlangt haben, und der, den sie behalten haben
Der erste Entwurf spiegelte das Briefing wortgetreu: drei dauerhaft sichtbare KPIs über die volle Breite, ein gleich grosses Detailpanel neben der Karte, ein Regler über allem. Es fehlte nichts. Genau das war das Problem. Die Neupriorisierung liess eine Fläche zum Erkunden übrig, verschob die KPIs in eine Spalte und liess das Detailpanel diese Spalte mitbenutzen, statt eigenen Platz zu beanspruchen.
Mein Beitrag
- Die Informationsarchitektur über sämtliche Themen verantwortet.
- Das modulare UI-System gebaut, ausgelegt auf Themen, die wir noch nicht absehen konnten.
- Die Neupriorisierung und die Drei-Ebenen-Struktur vorangetrieben, auf der das ganze Produkt läuft.
- Schnitt und Bearbeitung des Case-Study-Films für die Award-Einreichung.
Geschütztes Material
Der erste Build und der, der daraus wurde, nebeneinander.
Die Leitstellendaten von Swissgrid sind geschützt, und das hier sind echte Screens davon. Sie liegen hier statt auf der öffentlichen Seite aus demselben Grund, aus dem die Case Study das Produkt nicht zeigen kann: von einem Raum, den eine Handvoll Leute betreten darf, veröffentlicht man keine Screenshots.
Geschützte Fassung öffnen →Die Zugangsdaten liegen meiner Bewerbung bei, oder fragen Sie mich.
Ergebnis
~150
regelmässige Nutzende ein Jahr später, bei einem Produkt, das niemand öffnen muss
~1'000
Mitarbeitende bekamen ein Fenster in einen Raum, den nur wenige betreten dürfen
3 Ebenen
harte Tiefengrenze: die Regel, auf der das ganze Produkt läuft
Wir haben jedes weitere Thema auf dieselbe Weise aufgeschlüsselt. Ab dem zweiten mussten wir den Fachleuten die Struktur nicht mehr verkaufen: Sie waren den Weg mitgegangen und wandten die Drei-Ebenen-Logik von selbst an; aus der Einschränkung wurde etwas Gemeinsames statt etwas Auferlegtes. Ein Jahr nach dem Release hat Swissgrid 24/7 immer noch rund 150 regelmässige Nutzende, bei einem vollständig freiwilligen Produkt. Der Beleg, dass die Balance hielt: reich genug für die Fachleute, einfach genug für alle anderen.




